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Betriebsversammlung

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Betriebsversammlung – Wie halte ich eine perfekte Rede?

Sie kann nicht mehr schlafen und bekommt keinen Bissen mehr runter. In ein paar Tagen wird sie ihre erste Rede auf der Betriebsversammlung halten.

Nie hätte sie sich träumen lassen, dass das Lampenfieber mit voller Wucht zuschlägt. Schließlich war es nicht ihre erste Rede im Leben – doch diesmal war alles anders.

Angewurzelt stand sie vorm Rednerpult und ihr Herz schlug bis zum Hals. Es grenzte an ein Wunder, dass überhaupt ein Wort über ihre Lippen kam.

Das Rednerpult war ihr Fels in der Brandung – daran konnte sie sich festhalten.

Sie senkte den Blick und starrte auf das Manuskript oder auf ihre PowerPoint Folien – immerhin hatte sie dafür tolle Bilder ausgesucht.

Der Beifall ihrer Kollegen rauschte an ihr vorüber. Sie war heilfroh, als sie wieder auf ihrem Platz saß und schwor sich, dass sich etwas ändern musste.

Jahre später stand eine Betriebsrätin auf der Bühne, die es nicht erwarten konnte, eine flammende Rede auf der Betriebsversammlung zu halten – ohne Rednerpult, ohne Manuskript und ohne Lampenfieber. Diese Betriebsrätin war ich.

Hier sind meine 7 besten rhetorischen Tipps und Tricks, um eine perfekte Rede auf der Betriebsversammlung zu halten.

1. Keine Angst vor der Angst

Wenn du dein Lampenfieber in den Griff bekommen willst, musst du dich der Angst stellen – ob du willst oder nicht. Da ich der Angst nicht kampflos das Feld überlassen wollte, schaute ich ihr ins Gesicht.

Hatte ich Angst vor den tausenden Augen meiner Kollegen, die mich anschauten? Nein, die kannten mich und fraßen mich nicht auf. Hatte ich Angst vorm Arbeitgeber? Nein, auch der kannte mich und zerfleischte mich nicht. Hatte ich Angst, mich zu blamieren oder den Faden zu verlieren? Nein, für die Betriebsversammlung hatte ich meine Rede perfekt vorbereitet.

Dein Lampenfieber wird jede einzelne Zelle deines Körpers regieren, wenn du deine Angst unterdrückst.

Nach langen Suchen fand ich endlich die Antwort: Ich hatte panische Angst, wie der Arbeitgeber auf meine Rede reagieren könnte.

Da ich die Reaktion des Arbeitgebers auf meine Rede nicht kannte, versetzte ich mich in seine Lage. Ich schrieb alle möglichen Reaktionen des Arbeitgebers auf und legte mir meine Argumente zurecht.

Plötzlich war die Angst vor einem rhetorischen Schlagabtausch mit dem Arbeitgeber verschwunden.

2. Ohne Blick kein Respekt

Erst wenn du deine Kollegen in die Augen schaust, fühlen sie sich angesprochen und werden dir aufmerksam zuhören. Sie fühlen sich respektiert. Wendest du den Blick von ihnen ab, werden sie gedanklich abschweifen und dir nicht mehr zuhören. Du hast sie verloren.

Ich habe mich entschieden, meine Kollegen und nicht das Manuskript anzuschauen, denn meine Kollegen waren mir wichtiger und als ein beschriebenes Blatt Papier. Ich habe jeden Augenblick genossen, eine freie Rede auf der Betriebsversammlung zu halten und meine Kollegen mit meinen Blicken Respekt zu zollen.

Blickkontakt ist keine Einbahnstraße.

An den Blicken deiner Kollegen erkennst du, woran du bist. Du siehst sofort, ob sie deine Worte verstehen und deine Argumente nachvollziehen können.

Schau auch den Arbeitgeber während deiner Rede an, denn ein Blick sagt mehr als tausend Worte. Lass dich aber nicht von seinen Blicken aus der Fassung bringen.

Wie schaust du nun deine Kollegen an? Lasse einfach deinen Blick in die Runde schweifen und schaue dabei einzelne Kollegen an, die es gut mit dir meinen. Vermeide aber den sogenannten Scheibenwischerblick und blicke nicht so schnell von links nach rechts und wieder von rechts nach links.

Starre niemanden an und werfe dem Arbeitgeber böse Blicke zu – auch wenn dir danach zumute ist. Schaue lieber deine Kollegen freundlich an und lass deine Augen leuchten.

3. Mut zur Pause

Meine erste Rede auf der Betriebsversammlung rasselte ich runter, denn ich wollte sie schnell hinter mich bringen. Dabei sind Sprechpausen total genial und machtvoll, wenn du sie richtig einsetzt und Mut zur Pause hast.

Die Stille der Pause ist für viele Redner nicht zu ertragen. Sie reden zu schnell und vergessen beim Reden Luft zu holen. Sie reden pausenlos und geben den Zuhörern keine Chance zum Mitdenken.

Was passiert mit deinen Kollegen, wenn du eine Rede ohne Punkt und Komma hältst? Sie können dir gedanklich nicht mehr folgen und verlieren das Interesse, dir aufmerksam zuzuhören.

Sprechpausen sind nicht nur Redner, sondern auch für Zuhörer da.

Redner können die Pause nutzen, um Luft zu holen und sich auf den nächsten Gedanken vorzubereiten. Deine Zuhörer können über deine Worte nachdenken und sich länger auf deine Rede konzentrieren.

Überbrücke Sprechpausen nicht mit Verlegenheitslauten wie „äh“ und „hm“ und verzichte auf hohle Phrasen wie „ möchte ich sagen“ oder „ im Grunde genommen“.

Baue daher in deine Rede bewusste Sprechpausen ein und halte während der Pause Blickkontakt zu deinen Kollegen oder zum Arbeitgeber. Du brauchst auch nicht zu befürchten, dass dir trotz der Pause jemand ins Wort fällt.

Manchmal passieren in der Sprechpause unvorhergesehene Dinge. Während einer Sprechpause haben meine Kollegen mir applaudiert – die Pause habe ich verlängert und den Applaus in vollen Zügen genossen.

4. Sprich Klartext

Seit ich denken kann, rede ich Klartext und nicht um den heißen Brei herum. Auf Betriebsversammlungen habe ich kein Blatt vor den Mund genommen und die Sprache meiner Kollegen gesprochen.

Trotzdem habe ich meine Worte vor einer Rede auf die Goldwaage gelegt, denn Worte sind sehr mächtig – und mit Macht gehe ich immer verantwortungsvoll um. Meine Rede habe ich mit den Jahren wie ein Diamant geschliffen.

Verabschiede dich von langen Sätzen und verwende kurze und einfache Sätze. Kurze Sätze gehen dir leichter über die Lippen und jeder kann sie sich merken. Vergiss die langatmigen und komplizierten Schachtelsätze, denn sie erschweren nur das Zuhören.

Verpacke mit Schachteln Geschenke, aber keine Sätze.

Mit rhetorischen Fragen wird deine Rede lebendig. Nachdem du eine rhetorische Frage gestellt hast, beginnen deine Kollegen, sich die Frage selbst zu beantworten. Mache nach einer rhetorischen Frage unbedingt eine Sprechpause, denn deine Kollegen brauchen Zeit, um nachzudenken.

Verwende Sätze mit Verben. Benutze Verben im aktiven und nicht im passiven Stil: „ Die Betriebsvereinbarung wurde vom Betriebsrat unterzeichnet.“ (passiver Stil) „ Der Betriebsrat unterzeichnete die Betriebsvereinbarung.“ (aktive Stil)

Verbanne Konjunktive (möchte, könnte, wollte, sollte, dürfte) aus deinem Wortschatz. Hörst du den Unterschied? „Dürfte ich um ihre Aufmerksamkeit bitten?“ oder „ Ich bitte um ihre Aufmerksamkeit!“ Konjunktive schwächen dein Anliegen und lassen dich als Bittsteller erscheinen.

5. Stimme macht Stimmung

Deine Stimme verrät deine Gefühle. Deine Kollegen nehmen sofort wahr, in welcher Stimmung du bist. Am Klang deiner Stimme hören sie, ob du angespannt oder entspannt bist.

Machst du dir Gedanken, wie deine Stimme klingt und auf andere Menschen wirkt? Meine Rede habe ich vor der Betriebsversammlung per Video aufgenommen, denn in meinen Ohren klingt meine Stimme anders als in den Ohren meiner Kollegen.

Menschen mit einer tiefen Stimme wirken sicherer, sympathischer und kompetenter als Menschen mit einer hohen Stimme. Du brauchst als Betriebsrat eine tiefe und ruhige Stimme, um die Belegschaft von deiner Meinung zu überzeugen. Mit einer hohen und dünnen Stimme wirkst du unsicher und nicht durchsetzungsstark.

Trainiere deine Stimme wie einen Muskel.

Schalte einen Gang runter, wenn du zu schnell sprichst: Deine Kollegen brauchen ausreichend Zeit, um über deine Worte nachzudenken. Schalte einen Gang hoch, wenn du zu langsam sprichst: Deine Kollegen erinnern sich am Ende eines langsam gesprochenen Sätzen kaum noch an den Anfang.

Sprich immer mit Satzzeichen. Senke deine Stimme am Ende eines Satzes mit einem Punkt. Hebe deine Stimme am Ende eines Satzes mit einem Fragezeichen. Bei einem Satz mit einem Ausrufezeichen verleihe deiner Stimme mehr Druck.

Rede immer so wie dir der Schnabel gewachsen ist. Wenn du Dialekt sprichst, musst du deine Kollegen nicht mit Hochdeutsch quälen.

6. Der Körper lügt nicht

Aus den Lautsprechern tönte die Stimme des Moderators: „ Unsere Betriebsratsvorsitzende hat das Wort.“ Ich erhob mich von meinem Platz und ging auf die Bühne. In diesem Moment waren alle Augen auf mich gerichtet und beobachteten jeden Schritt und Tritt.

Das war für mich der Beginn meiner Rede, obwohl ich noch kein einziges Wort gesprochen hatte. Mir war klar, dass ich die ganze Zeit mit meinen Augen, mit meinen Händen und Füssen spreche – mit meinem ganzen Körper.

Mit der Körperhaltung drückst du deine innere und äußere Haltung aus. Was hältst du von dir?  Vom Arbeitgeber? Und von deiner Rede?

Deine Kollegen merken sofort, wenn deine Körpersprache eine andere Sprache spricht. Sie werden dir nicht mehr vertrauen. Stimmt deine Körpersprache mit deinen Worten überein, werden sie dir glauben und dich unterstützen.

Körperhaltung ist Geisteshaltung.

Wenn du deine Körperhaltung änderst, ändert sich auch deine Geisteshaltung – und umgekehrt. Machst du dich klein, fühlst du dich klein und schwach. Machst du dich groß, fühlst du dich groß und stark.

Betriebsräte, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen, können auch frei im Raum stehen. Sie brauchen kein Rednerpult oder Tisch, hinter dem sie sich verstecken oder sich festkrallen.

Wohin nun mit den Händen? Hände gehören nicht in die Hosentaschen – weder die eine noch die andere Hand. Hände gehören nicht hinter dem Rücken. Diese Gesten empfinden deine Kollegen respektlos. Halte auch nichts in den Händen – weder ein Mikrofon noch ein Blatt Papier.

7. Rede mit Herz statt mir Hirn

Schlägt dein Herz für deine Rede? Stehst du hinter deiner Rede? Brennst du für deine Rede?

Deine Kollegen spüren sofort, ob dir das Thema am Herzen liegt. Wenn dich das Thema nicht interessiert, überlasse lieber den anderen Betriebsräten die Bühne. Wenn du für das Thema Feuer und Flamme bist, dann bist du der perfekte Redner.

Spiele keine Rollen und trage keine Masken. Deine Kollegen kommen dir sofort auf die Schliche, wenn du ihnen etwas vorspielst und glauben dir nicht mehr. Sei einfach Du. Echt und ehrlich. Dann wirst du die Herzen deiner Kollegen im Sturm erobern.

Sprich in deiner Rede immer die Gefühle deiner Kollegen an. Menschen denken und fühlen meistens emotional anstatt rational.

Betriebsräte sind nicht nur Kopfmenschen, sondern auch Gefühlsmenschen.

Wie sollen sich deine Kollegen fühlen? Sollen sie lachen oder weinen? Willst du ihnen Angst oder Mut machen? Mit deiner Rede steuerst du die Gefühle deiner Kollegen, des Arbeitgeber und auch deine eigenen. Mach dir deshalb vor deiner Rede bewusst, welche Emotionen du wecken willst.

Verwende in deiner Rede Worte, die Gefühle auslösen, denn an eine leidenschaftliche Rede werden sich deine Kollegen noch lange erinnern. Stehe zu deinen Gefühlen – das macht dich einfach menschlich.

Die Betriebsversammlung ist die perfekte Bühne für Redner

Eine Rede auf der Betriebsversammlung zu halten ist einfacher als du denkst: Wenn du meine rhetorischen Tipps und Tricks Schritt für Schritt in die Tat umsetzt, wirst du eine perfekte Rede halten, die deine Kollegen überzeugt und ihre Herzen berührt – und darauf kommt es an.

Werde der Redner, der du sein willst. Traue dich anders zu sein als die anderen langweiligen Redner. Halte mutige Reden und spricht Klartext. Dann ist dir der Applaus deiner Kollegen sicher – du hast ihn dir verdient.

Und denke daran: Reden lernt man durch reden. (Cicero)

JA, ICH BIN DABEI

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Anke Schultz

Anke Schulz

Ich bin Trainerin, Autorin und Gründerin der BETRIEBSRATS HELDEN. In meinen Seminaren helfe ich Betriebsräten, bessere Redner und kluge Verhandler zu werden.

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